Projekte und Zusatzstrukturen

Juniorprofessur mit Schwerpunkt Editionsphilologie

Vom Sommersemester 2014 bis zum Wintersemester 2019/20 war am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Kiel eine Juniorprofessur mit dem Schwerpunkt Editionsphilologie eingerichtet. Die Juniorprofessur wurde gemäß einem Kooperationsvertrag zwischen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, und der Universität Kiel etabliert und von beiden Institutionen gemeinsam finanziert. Hauptziel solcher Kooperationen ist die stärkere Vernetzung von Vorhaben des Akademienprogramms mit den Universitäten und der dortigen Lehre und Forschung.

Die eingerichtete Juniorprofessur hatte Prof. Dr. Kathrin Kirsch inne. Neben der Forschung und Lehre am Musikwissenschaftlichen Institut bestand eine enge Anbindung an die Johannes Brahms Gesamtausgabe. Im Rahmen des Professur-Schwerpunktes legte Kathrin Kirsch im Jahr 2019 die Edition der Streichquintette op. 88 und 111 sowie des Klarinettenquintetts op. 115 vor. Außerdem hielt sie Lehrveranstaltungen zu Geschichte und Methoden der musikalischen Editionsphilologie sowie (gemeinsam mit zwei Mitarbeitern des Instituts für Informatik) zur digitalen Musikedition ab, betreute Haus- und Abschlussarbeiten zur Brahms-Philologie, beteiligte sich an einschlägigen Fachtagungen und legte entsprechende Publikationen vor.

Ein neuentdeckter Quellentypus in der Brahms-Philologie

In organisatorischer und räumlicher Anbindung an das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Kiel und in unmittelbarer inhaltlicher Abstimmung mit der Kieler Brahms-Forschungsstelle wurde vom 1. Oktober 2006 bis zum 31. Oktober 2010 ein von der Fritz Thyssen Stiftung finanziertes Forschungsprojekt von Dr. Johannes Behr (bis 31. Januar 2008) und Dr. Kathrin Kirsch (ab 1. Februar 2008) bearbeitet:
„Ein neuentdeckter Quellentypus in der Brahms-Philologie. Rekonstruktion später werkgenetischer Stadien in Johannes Brahms’ 2. Klavierkonzert B-Dur op. 83“

Der Kieler Brahms-Forschungsstelle stand leihweise ein Korrekturabzug der Partitur des 2. Klavierkonzerts op. 83 aus dem Besitz der Universität der Künste Berlin zur Verfügung. Es handelt sich um einen Verlags-Korrekturabzug mit hunderten von Eintragungen des Verlagskorrektors Robert Keller und damit um einen Quellentypus, der in der Brahms-Philologie bislang unbekannt war.

Stichprobenartige Untersuchungen legten die Vermutung nahe, dass eine Sammelkorrektur vorliegt, die nicht nur Stichfehler-Verbesserungen Kellers enthält, sondern auch substantielle Änderungen des Notentextes aufweist, die auf eine (verschollene) Korrekturfahne von Brahms zurückgehen. Damit lassen sich aus dieser singulären Quelle etliche Abweichungen zwischen den erhaltenen Manuskripten des Werkes und den frühen Drucken von Partitur, Solostimme, Orchesterstimmen und Arrangement für zwei Klaviere als von Brahms selbst veranlasste Änderungen bestimmen. Eine eingehende und systematische Auswertung des Korrekturexemplars im Kontext sämtlicher vorliegender Werkquellen versprach also zum einen vertiefte Kenntnisse der Entstehungsgeschichte speziell des 2. Klavierkonzerts, zum anderen aber auch generelle Einsichten über Korrekturprozesse bei der Drucklegung von Brahms’ Werken.

Im Zusammenhang mit der vorliegenden Sammelkorrektur ist ein weiterer, erst seit kurzem zugänglicher Korrekturabzug von Bedeutung. Im Besitz der Juilliard School of Music, New York, befindet sich seit 2006 ein Abzug des 1. Streichquintetts F-Dur op. 88, in dem der Komponist selbst und Robert Keller zahlreiche Korrekturen vornahmen. Der Arbeitsgang, der der abschriftlichen Sammelkorrektur des Klavierkonzerts vorausging, ist in diesem Abzug überliefert. Im Rahmen einer abschließenden Förderung bewilligte die Fritz Thyssen Stiftung im Juni 2009 eine Verlängerung des Projekts. So konnten die Zusammenarbeit zwischen Keller und Brahms anhand des Abzugs zum Streichquintett näher untersucht und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für das Verständnis der Sammelkorrektur des 2. Klavierkonzerts ausgewertet werden.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden abschließend in einer zusammenfassenden Darstellung publiziert:

Kathrin Kirsch: Von der Stichvorlage zum Erstdruck. Zur Bedeutung von Vorabzügen bei Johannes Brahms, Kassel u. a. 2013 (= Kieler Schriften zur Musikwissenschaft, hrsg. von Siegfried Oechsle und Bernd Sponheuer in Verbindung mit Friedhelm Krummacher, Bd. LII)