Liebestaumel und Bibeltexte

Wie die Neue Gesamtausgabe der Brahms-Werke voranschreitet

„Wie lieb haben wir ihn gewonnen, wie war er gefällig, freundlich, geduldig und nachsichtig gegen uns!“, schwärmt die Sängerin Franzisca Meier aus dem Hamburger Frauenchor in ihrem Tagebuch. Da hatte sie mit keinem Geringeren als dem jungen Johannes Brahms 1859 für die Uraufführung seines 13. Psalms op. 27 in der Hauptkirche St. Petri geprobt.

Der Musikwissenschaftler Dr. Jakob Hauschildt, Mitarbeiter der von Professor Siegfried Oechsle geleiteten Brahms-Gesamtausgabe im Musikwissenschaftlichen Institut der Uni Kiel, hat das Werk gerade neu ediert. Es ist damit Teil des Bandes Mehrstimmige Gesangswerke mit Klavier oder Orgel: Chorwerke und Vokalquartette I (VI/1) im Münchner Henle Verlag. Er enthält auch das Opus 30, das Geistliche Lied, das Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer im November 2018 mit Edgar Krapp an der Orgel […] in der Nikolaikirche aufgeführt hatte und von dessen raffiniert ausklingendem „Amen“ am Schluss Hauschildt besonders begeistert ist. „Brahms hat Werke dieser Art schon ausdrücklich für Begleitung an der Orgel gedacht – die notengleiche Fassung ‚für drei oder vier Hände‘ auf dem Klavier ist wohl eher ein Notbehelf für den Verkauf.“

Kern des Bandes sind aber die populären, zehn Jahre später erschienenen Liebeslieder op. 52 und die Neuen Liebeslieder op. 65. Sie sind als vierhändige Walzer mit […] Gesang sowie als Lieder mit angepasster zweihändiger Klavierbegleitung korrigiert neu aufgelegt. Korrekturen seien manchmal auch deutlich zu hören, wie Hauschildt betont: etwa in dem schmissigen Hit Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten …! In der Edition sind […] erstmals auch dreizehn Skizzenseiten berücksichtigt und abgedruckt, die Einblick in frühe Kompositionsphasen gewähren. […]

Ins Politische lappte zuletzt die editorische Arbeit vom Kollegen Dr. Johannes Behr, denn seine inzwischen frisch gedruckte [gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Tadday von der Universität Bremen herausgegebene] Edition des Triumphliedes op. 55 im Band V/5 gilt einem patriotischen Chorwerk, das zur Feier des gewonnenen Deutsch-französischen Krieges und der Reichsgründung von 1870/71 entstand, zudem Kaiser Wilhelm I gewidmet wurde. Im Konzertleben wird es deshalb gemieden. Zu Recht?

„Ohne Zweifel hat Brahms im Triumphlied seiner Freude über den Verlauf des Krieges und die Reichseinigung Ausdruck verliehen. Aber es ist mehr als das, ein deutsches Te Deum in der Tradition von Händels Dettinger Te Deum. Das Triumphlied wurde bald vom eigentlichen Anlass abgelöst als Dankgesang aufgeführt. Und Brahms hat sich den Text auch nicht speziell zum Anlass wie bei einem Gelegenheitswerk schreiben lassen, sondern feinsinnig Passagen aus der Bibel gewählt“, so Behr.

Außerdem ist erstmals eine abweichende, noch während des Krieges von Brahms in Bremen uraufgeführte Frühfassung einbezogen, die vorab 2014 unter Thomas Hengelbrock im SHMF-Eröffnungskonzert erklang. Sie scheint eine Spur weniger säbelrasselnd pompös, könnte am Karfreitag des Jahres 1871 also zugleich auch der Kriegsopfer gedacht haben …

Kieler Nachrichten vom 19. Februar 2021, Autor: Christian Strehk