Klaviertrios Nr. 2 C-Dur op. 87 und Nr. 3 c-Moll op. 101

(Serie II, Band 6b), hrsg. von Bernd Wiechert, München 2024

Johannes Brahms publizierte insgesamt vier Klaviertrios, die innerhalb seines Schaffens einen weiten zeitlichen Bogen spannen: Nr. 1 op. 8 (1854, in wesentlichen Teilen neu komponierte „Neue Ausgabe“ 1891), Nr. 2 (1882) und Nr. 3 (1887). Für die Edition aller vier Werke war ursprünglich zusammen mit Michael Struck ein gemeinsamer JBG-Band geplant (in den Jahresberichten 2022 und 2023 als II/6 angekündigt), der aber in Absprache mit dem G. Henle Verlag München zweigeteilt wurde: Den jetzt erschienenen „mittleren“ Trios werden 2025 die beiden chronologisch flankierenden Werkfassungen von op. 8 als eigenes Korpus in Teilband II/6a, herauszugeben von Michael Struck, nachfolgen. Der Band wird auch zwei Kapitel über die verschollenen frühen Klaviertrios Anh. IIa Nr. 6 und über die Nicht-Aufnahme des 1938 unter Brahms’ Namen veröffentlichten Klaviertrios A-Dur Anh. IV Nr. 5 enthalten.


Von dem 1880 begonnenen Trio Nr. 2 (C-Dur) stellte Brahms zunächst nur den 1. Satz fertig. In überarbeiteter Form wurde dieser nochmals niedergeschrieben, als Brahms 1882 das viersätzige Werk zu Papier brachte. Insbesondere für die später komponierten Sätze 2–4 stellt das Manuskript eine Art „Arbeitspartitur“ dar, die durch zahlreiche nachträgliche Änderungen gekennzeichnet ist und darin den Prozess der Vervollkommnung des Werkes widerspiegelt. Zu den markantesten strukturellen Eingriffen gehören die jeweils umgestalteten Schlüsse des 3. und 4. Satzes, zudem erwog Brahms zeitweise die Vertauschung der beiden Mittelsätze. Eine reinschriftliche Kopistenabschrift der Partitur gab es in diesem Fall nicht; als Stichvorlage für die Erstausgabe diente das Autograph.
Vom Trio Nr. 3 (c-Moll), komponiert 1886, ist neben dem Partiturautograph auch die abschriftliche Stichvorlage überliefert. Im Vergleich beider Manuskripte mit dem Erstdruck wird ersichtlich, dass Brahms noch bis in die Phase der Korrekturlesung hinein letzte kompositorische Änderungen und Verfeinerungen am Notentext vornahm. Von Anbeginn erzielte das Werk im Freundeskreis des Komponisten wie auch bei öffentlichen Darbietungen fulminante Erfolge. Brahms selbst trat bei der Uraufführung (22. Dezember 1886 in Budapest) und auch später noch mehrfach als Interpret des Klavierparts in Erscheinung. Bei einer Probe des Trios unter seiner Mitwirkung am 22. September 1887 in Baden-Baden war die Pianistin Fanny Davies als Zuhörerin anwesend. Zu Brahms’ Art der Interpretation, insbesondere in Bezug auf Tempi, Dynamik und Ausdruck, machte sie sich – in Gestalt verbaler Vermerke und Metronomangaben – aufschlussreiche Notizen in ihrem Erstdruckexemplar, das bis heute erhalten ist (Royal College of Music, London) und für die Edition konsultiert wurde.

Rezension

[…] Das Trio op. 8 ist zugleich das bekannteste und am stärksten in der Forschungsliteratur berücksichtigte. Den Grund für die anhaltende Auseinandersetzung mit dem ungewöhnlichen Frühwerk in dem für Brahms grundsätzlich nicht unproblematisch überlieferten Bereich des Schaffensprozesses suchen zu wollen, greift allerdings zu kurz: Die beiden anderen Triokompositionen, denen der vorliegende Band gewidmet ist, weisen ebenfalls erstaunlich viele Quellenspuren auf, die Rückschlüsse auf kompositorische Entscheidungen zulassen, wenngleich eine […] Neukonzeption, wie sie Brahms im Fall des Trios H-Dur vorgenommen hat, in beiden Fällen fehlt. Entsprechend ist der Anteil des Kritischen Berichts dieses jüngsten Bandes der Neuen Ausgabe Sämtlicher Werke, den Bernd Wiechert mit großer Akribie und Zuwendung erstellt hat, üppig: Der Textteil nimmt einen größeren Raum ein als der Notentext, liest sich aber streckenweise wie die Lösung eines Kriminalfalls – und kann Interessierten zugleich als konzise Einführung in das späte Kammermusikschaffen von Johannes Brahms gelten, das ein Teil des Korpus eigenen Rechts ist. Der Notentext der beiden Klaviertrios ist konkurrenzlos exzellent in Qualität und Lesbarkeit; parallel wird – wie immer im Fall der Bände dieser Gesamtausgabe – eine preiswerte praktische Ausgabe erscheinen.

[…] Bei beiden Trios dienen die autografen Partituren dem Herausgeber als Korrektive der bei Simrock publizierten Erstausgaben, die von Brahms aufmerksam begleitet worden sind, für die Ermittlung, Klassifizierung und Emendation möglicher Fehler, vor allem von Ungenauigkeiten, die sich bis weit in Editionen der Trios noch im 21. Jahrhundert gehalten haben; sie sind wichtige Referenzquellen und machen den Band mit den Trios op. 87 und 101 zu neuen Referenzeditionen. […]

Birger Petersen, in: Die Tonkunst, Jg. 19 (2025), Nr. 3, S. 364–366