Chöre und Gesänge mit Orchesterbegleitung

(Serie V, Band 1), hrsg. von Jakob Hauschildt, München 2025

Chöre und Gesänge mit Orchesterbegleitung (V/1), herausgegeben von Jakob Hauschildt.

Die Mehrzahl der im vorgelegten Band versammelten Werke schrieb Brahms zunächst für den von ihm gegründeten Hamburger Frauenchor. Im Hauptteil sind drei im Jahr 1861 veröffent­lichte Chor­werke enthalten: das Ave Maria für Frauenchor mit Orchester- oder Orgelbegleitung op. 12, der Begräbnisgesang für Chor, Blasinstrumente und Pauken op. 13 und die Vier Gesänge für Frauenchor mit Be­gleitung von zwei Hörnern und Harfe op. 17. Hiervon erschienen das Ave Maria und der Begräbnisgesang zeitgleich im Verlag Rieter-Biedermann, so dass die Drucklegung und auch die frühe Rezeption anfangs parallel verliefen. In Verbindung mit dem Begräbnisgesang etablierte sich in Leipzig später eine jährlich zur Karwoche fortgesetzte Aufführungstradition.

Im Anhang des Bandes sind drei orchestrierte Nebenfassungen sowie der nur noch fragmentarisch überlieferte Brautgesang für vierstimmigen Frauenchor, Sopransolo und Orchester Anh. III Nr. 12 publiziert. Als Nebenfassungen – alternative Werkfassungen, die der Komponist unveröffentlicht ließ – zählen zunächst der 13. Psalm für dreistimmigen Frauenchor mit Orgel op. 27 in der Fassung mit Streich­orchester sowie die Liebeslieder. Walzer aus op. 52 und 65 in der Fassung für Gesang und Orchester. Während der Orchesterpart der Liebeslieder autograph überliefert und die Authen­tizität dieser Bearbeitung gesichert ist, fehlt hinsichtlich der Streicherfassung des 13. Psalms op. 27 die letzte Gewissheit für Brahms’ Autorschaft. In diesem Fall erfolgte die Herausgabe nach gründ­licher Ermittlung und Bewertung aller greifbaren Belege und Indizien. Im Ergebnis der Diskussion darf Brahms mit hoher Wahrscheinlichkeit als Autor auch der Streicherfassung des 13. Psalms gelten, die erstmals 1926 in der alten Gesamtausgabe herausgegeben wurde.

Eine weitere Bearbeitung sollte im Verlag Simrock erscheinen, bevor der Komponist ihre Publika­tion zurückzog: die Fassung für gemischten Chor und Orchester des Gesangs aus Fingal op. 17 Nr. 4. Brahms hatte bereits Abzüge der Chor- und Streicherstimmen herstellen sowie Bläserstimmen aus­schreiben lassen und brachte seine Orchestrierung 1879 in Köln erstmals zur Aufführung. 1887 wurde sie dort ein zweites Mal öffentlich musiziert, nun unter Leitung Franz Wüllners. Dieser teilte Brahms am 21. August 1887 mit, er habe den Fingal „für ganzen Chor mit ganzem Orchester in Deiner bei uns [= im Gürzenich] vorhandenen Bearbeitung“ aufgeführt, und versicherte, dass sie „trefflich klingt“. Somit hatte Brahms die Chor- und Orchesterstimmen, die in der Brahms-Forschung als verschollen galten, nach der Erstaufführung 1879 nicht vernichtet, sondern in Köln zurückgelassen, wo sie im Notenbestand des Orchesters verblieben. Jene Umstände sprachen für eine mögliche Überlieferung nach 1887 und nährten bei dem Herausgeber die Hoffnung auf ein Wiederauffinden der fraglichen Fassung. Die ehemalige Existenz und potentielle Überlieferung einer Dirigierpartitur Wüllners wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls bereits erwogen.

Mehrere auf dieser Grundlage erfolgte Anfragen an Kölner Institutionen und Privatpersonen führten im Herbst 2023 zur Entdeckung der gesuchten Chor- und Orchesterstimmen durch den Herausgeber unter den historischen Materialien des Gürzenich-Orchesters. Der dortigen Notenbibliothekarin Barbara Schönfeld sei auch an dieser Stelle für ihre hilfreiche Unterstützung herzlich gedankt. Lediglich die gedruckten Tenorstimmen sowie das vermutlich abschriftliche Notenblatt der Oboe 2 blieben weiterhin ver­schollen. Im Januar 2024 ließ sich am selben Ort schließlich Wüllners Dirigierpartitur auffinden. Die Entdeckung dieses Manuskripts, das Wüllner zur Wiederaufführung 1887 aus den in Köln ver­bliebenen Stimmen spartiert hatte, komplettierte die ungewöhnliche Überlieferungs- und Fund­geschichte und gewährleistete eine vollständig quellengestützte Edition. So erscheint der Gesang aus Fingal unter seiner bereits von Brahms vorgesehenen authentischen Opuszahl 17b als Erstdruck im Anhang des vorgestellten Bandes. Auch das Fragment des 1858 komponierten Brautgesangs Anh. III Nr. 12 lag bisher nicht in ge­druckter Partitur vor. Eine autographe Partitur und möglicherweise davon kopierte Instrumental­stimmen sind verschollen, während sich für diese Edition allein drei Vokalstimmen aus abschrift­lichen Stimmheften von Sängerinnen des Hamburger Frauenchores rekonstruieren ließen.