"Warum Stargeiger Gidon Kremer in seiner ansonsten wunderbaren Einspielung von Johannes Brahms’ Violinkonzert an einer Stelle „falsch“ spielt, kann nun wissenschaftlich bewiesen werden. Und das speziell in Kiel, denn in der Brahms-Forschungsstelle an der Christian-Albrechts-Universität ist gerade der diesbezügliche und beim Henle Verlag München gedruckte Band I/9 der neuen Gesamtausgabe herausgekommen. „Kremer spielt in bester Absicht eine von Brahms komponierte autographe Passage in der Solostimme, die von fremder Hand gestrichen war“, kommentiert Dr. Michael Struck, der das berühmte Opus 77 gemeinsam mit der New Yorker Musikforscherin Linda Correll Roesner neu ediert hat, nachsichtig lächelnd. Tatsächlich habe sich aber nach Sichtung der reichhaltigen Quellen herausgestellt, dass die Streichung allemal Brahms’ „letzten Willen“ darstelle. Der Komponist hatte nämlich mit dem berühmten Widmungsträger des D-Dur-Werkes, dem Geiger Joseph Joachim, über viele spieltechnische und klangliche Details diskutiert. Noch nach der gemeinsamen Uraufführung an Neujahr des Jahres 1879 in Leipzig seien bis zur endgültigen Druckfassung im Sommer Änderungen erfolgt.

Der umfangreiche neue Band der Gesamtausgabe gibt somit Einblick in „Brahms’ Komponierwerkstatt“ (Struck), schlägt einen letztlich gültigen Notentext vor und spiegelt nach Sichtung von Briefen und diversen musikalischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts auch die frühe Rezeptionsgeschichte.

In der Brahms-Forschungsstelle geht es derzeit mächtig voran, obwohl Sparzwänge das Halten international anerkannten Niveaus schwieriger denn je machten. Wahrscheinlich noch in diesem Jahr erscheint der Streichquartett-Band, herausgegeben von Dr. Salome Reiser, der seit Juli 2004 als hauptamtliche Mitarbeiterin Dr. Katrin Eich in Kiel gefolgt ist. Ebenfalls schon im Druck ist die Dritte Symphonie, in Arbeit sind unter anderem die Serenaden, die Vokalensembles (wie etwa die Zigeunerlieder) und die vierhändigen Symphonie-Arrangements.

Als Clou enthält die aktuelle Violinkonzert-Edition zusätzlich auch einen überraschenden Vorschlag für die große Solokadenz, die ja meist in der von Brahms autorisierten Version Joseph Joachims gespielt wird. Die junge Geigerin Marie Soldat, eine Schülerin Joachims, hatte 1885 nach ihrem Wiener Debüt mit dem Brahmskonzert den von ihr begeisterten Meister um eine eigene Kadenz ersucht. Dazu kam es zwar nicht, doch hat Brahms in Marie Soldats Abschrift von Joachims Kadenz eingegriffen, sie gestrafft. „Die Geiger werden zwar erst weinen, weil beliebte Passagen entfallen“, so Struck, „doch empfand Brahms Joachims Kadenz im Satzkontext offenbar als zu lang“. Nun hat also nicht nur Gidon Kremer Grund, über eine Neueinspielung nachzudenken."

Christian Strehk