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In organisatorischer und räumlicher Anbindung an das Musikwissenschaftliche Institut der Universität Kiel und in unmittelbarer inhaltlicher Abstimmung mit der Kieler Brahms-Forschungsstelle wurde vom 1. Oktober 2006 bis zum 31. Oktober 2010 ein von der Fritz Thyssen Stiftung finanziertes Forschungsprojekt von Dr. Johannes Behr (bis 31. Januar 2008) und Dr. Kathrin Kirsch (ab 1. Februar 2008) bearbeitet:

"Ein neuentdeckter Quellentypus in der Brahms-Philologie. Rekonstruktion später werkgenetischer Stadien in Johannes Brahms' 2. Klavierkonzert B-Dur op. 83"

Der Kieler Brahms-Forschungsstelle stand leihweise ein Korrekturabzug der Partitur des 2. Klavierkonzerts op. 83 aus dem Besitz der Universität der Künste Berlin zur Verfügung. Es handelt sich um einen Verlags-Korrekturabzug mit hunderten von Eintragungen des Verlagskorrektors Robert Keller und damit um einen Quellentypus, der in der Brahms-Philologie bislang unbekannt war.

Stichprobenartige Untersuchungen legten die Vermutung nahe, dass eine Sammelkorrektur vorliegt, die nicht nur Stichfehler-Verbesserungen Kellers enthält, sondern auch substantielle Änderungen des Notentextes aufweist, die auf eine (verschollene) Korrekturfahne von Brahms zurückgehen. Damit lassen sich aus dieser singulären Quelle etliche Abweichungen zwischen den erhaltenen Manuskripten des Werkes und den frühen Drucken von Partitur, Solostimme, Orchesterstimmen und Arrangement für zwei Klaviere als von Brahms selbst veranlasste Änderungen bestimmen. Eine eingehende und systematische Auswertung des Korrekturexemplars im Kontext sämtlicher vorliegender Werkquellen versprach also zum einen vertiefte Kenntnisse der Entstehungsgeschichte speziell des 2. Klavierkonzerts, zum anderen aber auch generelle Einsichten über Korrekturprozesse bei der Drucklegung von Brahms’ Werken.

Im Zusammenhang mit der vorliegenden Sammelkorrektur ist ein weiterer, erst seit kurzem zugänglicher Korrekturabzug von Bedeutung. Im Besitz der Juilliard School of Music, New York, befindet sich seit 2006 ein Abzug des 2. Streichquintetts F-Dur op. 88, in dem der Komponist selbst und Robert Keller zahlreiche Korrekturen vornahmen. Der Arbeitsgang, der der abschriftlichen Sammelkorrektur des Klavierkonzerts vorausging, ist in diesem Abzug überliefert. Im Rahmen einer abschließenden Förderung bewilligte die Fritz Thyssen Stiftung im Juni 2009 eine Verlängerung des Projekts. So konnten die Zusammenarbeit zwischen Keller und Brahms anhand des Abzugs zum Streichquintett näher untersucht und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für das Verständnis der Sammelkorrektur des 2. Klavierkonzerts ausgewertet werden.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden abschließend in einer zusammenfassenden Darstellung publiziert:
Kathrin Kirsch: Von der Stichvorlage zum Erstdruck. Zur Bedeutung von Vorabzügen bei Johannes Brahms, Kassel u. a. 2013 (= Kieler Schriften zur Musikwissenschaft, hrsg. von Siegfried Oechsle und Bernd Sponheuer in Verbindung mit Friedhelm Krummacher, Bd. LII)