Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90 , hrsg. von Robert Pascall, München 2005

Der Erstdruck von Johannes Brahms’ 3. Symphonie in Partitur und Stimmen war die fehlerhafteste aller von Brahms autorisierten Werkausgaben. Dies war nicht die einzige Problematik, mit der die vorliegende Edition konfrontiert war. So gab es zahlreiche, oft nur wenig begründete Spekulationen zur Genese bzw. Bedeutung des Werkes. Demgegenüber führte eine sorgfältige Beschäftigung mit Inhalt und Reihenfolge des Brahms-Simrock-Briefwechsels zu einer erheblich präzisierten Datierung von Brahms’ Briefen an seinen Verleger Fritz Simrock und erhellte dadurch die letzte entstehungsgeschichtliche Phase der Symphonie. Zugleich wurden verschiedene Mythen zum Hintergrund des Schaffensprozesses, die meist von Brahms’ Biographen Max Kalbeck stammen, kritisch überprüft und dokumentarisch relativiert. In der Einleitung der Edition wurden außerdem die frühe Aufführungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte dokumentiert und kommentiert, wobei auch einige Angaben aus Margit McCorkles Brahms-Werkverzeichnis korrigiert werden konnten.

Die Quellenlage ist durch eine reiche Überlieferung, aber auch durch einige Lücken gekennzeichnet. Auszuwerten waren zunächst die autographe Partitur, die Erstausgabe der Partitur (in 1. Auflage, korrigierter 2. Auflage und posthumer Auflage), die Erstausgabe der Stimmen (in 1. und korrigierter 2. Auflage) sowie autographe Stichvorlage und Erstausgabe des Arrangements für zwei Klaviere zu vier Händen. Von besonderer Bedeutung unter den Partitur-Erstdrucken sind darüber hinaus Brahms’ korrigiertes Handexemplar, ein ebenfalls teilweise vom Komponisten korrigiertes Geschenkexemplar für Eusebius Mandyczewski und das von fremder Hand korrigierte Widmungsexemplar aus dem Besitz von Richard Barth; hinzu kommt Brahms’ Handexemplar des Arrangements für zwei Klaviere zu vier Händen. Der Korrekturprozess zwischen 1. und 2. Auflage spiegelt sich zusätzlich in zwei Korrekturlisten zum Erstdruck von Partitur und Orchesterstimmen: Eine von Simrocks Verlagslektor Robert Keller vorbereitete umfangreiche handschriftliche Aufstellung Correkturen u. Notizen wurde von Brahms teilweise kommentiert; hierauf basierte die gedruckte Liste Correcturen zu Brahms, Dritte Symphonie, die der Verlag vier Monate nach Erscheinen von Partitur und Stimmen veröffentlichte. Herangezogen wurde schließlich die Erstausgabe von Robert Kellers Arrangement für Klavier zu vier Händen, das der Komponist in allen vier Sätzen stark überarbeitete. Verschollen sind demgegenüber die abschriftliche Partitur-Stichvorlage sowie Abschriften bzw. Vorabzüge der Orchesterstimmen.

Da die Drucklegung der Symphonie offensichtlich sehr eilig und ohne hinreichende Korrektur seitens des Verlages und des Komponisten erfolgte, war der Mitte/Ende Mai 1884 erschienene Erstdruck von Partitur und Stimmen äußerst fehlerhaft und unzuverlässig. Daraufhin bereitete Robert Keller bis Mitte Juli seine handschriftliche Liste vor (mit 275 Bemerkungen zur Partitur und 672 zu den Stimmen). Die gedruckte Korrekturliste erschien im September (mit 52 bzw. 225 Korrekturen zu Partitur bzw. Stimmen). Außerdem nahm Brahms sowohl in seinem Handexemplar wie auch im Geschenkexemplar für Mandyczewski Korrekturen vor. Da die 1. Auflage laut Aussage Kellers „etwas stark“ war, erschien die korrigierte 2. Auflage von Partitur und Stimmen erst relativ spät (nach Mitte Dezember 1892). An ihrer Vorbereitung wirkten der Verleger Fritz Simrock und Brahms mit (Keller war inzwischen verstorben). Allerdings ergab eine Auswertung von Brahms’ Briefwechsel und eine kritische Analyse der Korrekturprozesse, dass Brahms’ Intentionen selbst in der 2. Auflage, die vom Herausgeber Robert Pascall als Hauptquelle herangezogen wurde, in manchen Fällen verfälscht erscheinen. So bleibt es der vorliegenden Edition der neuen Brahms Gesamtausgabe vorbehalten, einen Notentext dieses bedeutenden Werkes vorzulegen, der die Komplexität der Quellensituation und Korrekturprozesse erstmals umfassend berücksichtigt. Die Edition wurde Michael Struck vom Herausgeber freundschaftlich gewidmet.

Rezensionen:

»[...] Um es vorweg zu nehmen: Der vorliegende Band erfüllt alle Anforderungen in mustergültiger Weise. Robert Pascall, der in der neuen Gesamtausgabe der Werke von Johannes Brahms bereits als Editor der Ersten und Zweiten Symphonie (letztere gemeinsam mit Michael Struck) tätig war, legt einen Band vor, der in praktisch keinerlei Hinsicht irgendwelche Wünsche offen lässt. Entstehungs- und Aufführungsgeschichte werden anhand der nicht eben üppigen Quellen im Rahmen der philologischen wie historischen Möglichkeiten rekonstruiert, wozu eine Relativierung der Aussagen Max Kalbecks ebenso gehört wie eine Rekonstruktion von Teilen der Werkgenese aus dem nur unvollständig erhaltenen Briefwechsel des Komponisten mit seinem Verleger Nikolaus Simrock, um nur die wesentlichsten Ergebnisse zu nennen. Aus diesen Ausführungen ergibt sich bereits ein lebendiges Bild der komplexen Quellenlage, die dann im Kritischen Bericht eingehend geschildert wird. Beschreibung der Quellen und Stemma sind untadelig. Bei letzterem wurde glücklicherweise nicht mit Platz gespart, so dass der Zweck der Übersichtlichkeit und Nachverfolgbarkeit der Darstellung erfüllt wird: Leicht ist so zu erkennen, dass die frühe Anfertigung von Orchesterstimmen wie eines Arrangements für zwei Klaviere zu vier Händen („Kattermäng“) eigenständige Entwicklungsstränge darstellen, deren Bedeutung für das Werkganze ebenso nachdrücklich erkennbar wird wie ein von Robert Keller angefertigtes Errata-Verzeichnis, aus dem Simrock eine Druckfehler-Beilage erstellte, die dem Erstdruck anzufügen war.

Es gehört zu dem hervorragenden Gesamteindruck dieser Edition, dass an faksimilierten Dokumenten allgemein nicht gespart wird und eben auch die Titelseiten der Keller’schen Liste wie der Druckfehler-Beilage aufgenommen worden sind. Dankenswerterweise wurde der Editionsbericht, der aufgrund der Quellenlage auch nicht eben spärlich ausfällt, praktikabel gehalten, was durch die kluge Entscheidung, welche Aspekte Aufnahme fanden und welche nicht, aber auch durch eine Separierung unterschiedlicher Textprobleme von geringerer Bedeutung erreicht wird.

Auch in der optischen Gestaltung erfüllt der Band beinahe alle nur denkbaren Anforderungen, berüchtigte ‚Bleiwüsten’ wird man nicht finden. Der Notentext ist von graphisch dokumentierten Varianten weitgehend befreit, was die Lesbarkeit und damit die Praktikabilität der Ausgabe erhöht. Dass die beiden Binnensätze aufgrund ihrer geringeren Stimmenzahl auf jeweils zwei Akkoladen pro Seite zusammengefasst werden, wodurch sich gerade im Andante das Notenbild doch erheblich verkleinert, ist verschmerzbar und trübt den Gesamteindruck letztendlich nicht.«

Manuel Gervink, in: Die Musikforschung, Jg. 61 (2008), Heft 2, S. 197 f.