Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83, hrsg. von Johannes Behr, München 2013

Mit diesem Band liegen innerhalb der JBG nun drei der insgesamt vier Brahms-Konzerte in Partitur vor. Für die Edition des 2. Klavierkonzerts waren zahlreiche handschriftliche und gedruckte Quellen der Partitur, der Orchesterstimmen, der Solostimme und des Klavierauszugs heranzuziehen, darunter die autographe Partitur (neuerdings auch als Faksimile-Ausgabe zugänglich), ein Korrektur-Vorabzug der Partitur mit Eintragungen des für den Verlag Simrock tätigen Lektors Robert Keller sowie ein Geschenk-Vorabzug des Klavierauszugs für die mit Brahms befreundete Elisabeth von Herzogenberg. Insbesondere die Vorabzüge gewähren Einblicke in die letzten kompositorischen Änderungen zwischen Abgabe der Stichvorlage und Erscheinen des Erstdrucks. Dabei erweist sich der Partitur-Vorabzug als besonders aufschlussreich, denn in ihm finden sich sowohl reine Verlagskorrekturen, die von Keller beim Abgleich mit der Stichvorlage oder redaktionell vorgenommen wurden, als auch substantielle Eingriffe, die nur als Übertragungen Brahms’scher Änderungen durch Keller erklärbar sind. Wie durch Quellenvergleiche ermittelt werden konnte, stammen diese kompositorischen Änderungen teils aus der Stichvorlage zur Solostimme (die Brahms erst nach der Partitur an den Verlag schickte), teils aus einem (verschollenen) Autor-Korrekturabzug zur Solostimme und teils aus einem (ebenfalls verschollenen) späteren Autor-Korrekturabzug der Partitur. (Siehe hierzu auch die jüngst erschienene Abschlusspublikation eines Forschungsprojektes am Kieler Musikwissenschaftlichen Institut, das von Johannes Behr begonnen und von Kathrin Kirsch abgeschlossen wurde: Kathrin Kirsch: Von der Stichvorlage zum Erstdruck. Zur Bedeutung von Vorabzügen bei Johannes Brahms, Kassel u.a. 2013 [= Kieler Schriften zur Musikwissenschaft, Bd. 52]). Noch komplexer wird die Quellenfiliation dadurch, dass als Stichvorlage für den Solopart innerhalb der Partitur der Klavierauszug diente, der bereits einige Monate früher erschienen war und zum Zeitpunkt des Partiturstichs schon vier – teilweise revidierte – Auflagen erlebt hatte. Während alle diese Revisionen somit auch in den Solopart der Partitur eingingen, wurde es umgekehrt versäumt, Brahms’ letzte Änderungen in Solostimme und Partitur auch in spätere Auflagen des Klavierauszugs zu übernehmen. Es blieben hier also unterschiedliche Lesarten stehen, die sich teilweise bis heute aufführungspraktisch auswirken.