Violinkonzert D-Dur op. 77, Doppelkonzert a-Moll op. 102, jeweils Klavierauszug,
hrsg. von Linda Correll Roesner und Michael Struck, München 2010

Mit diesem Band wurden im Rahmen der JBG erstmals Editionen Brahms’scher Klavierauszüge vorgelegt, nachdem zum Jahreswechsel 2008/2009 bereits ein erster Band mit vierhändigen Klavierarrangements eigener Kompositionen erschienen war (IA/1: Symphonien Nr. 1 op. 68 und Nr. 2 op. 73 für ein Klavier zu vier Händen; siehe Jahresbericht 2008, S. 6 f.). Der Klavierauszug des Violinkonzertes D-Dur op. 77 wurde von Linda Correll Roesner, derjenige des Doppelkonzertes a-Moll op. 102 von Michael Struck herausgegeben; beide hatten für die JBG bereits die orchestrale Hauptfassung des Violinkonzertes (I/9, hrsg. von Roesner/Struck, München 2004) bzw. des Doppelkonzertes (I/10, hrsg. von Struck, München 2000) ediert.

Ebenso wie Brahms’ Klavierarrangements waren die Klavierauszüge im 19. Jahrhundert bedeutsam für die Präsenz seiner Werke im öffentlichen musikalischen Bewusstsein. Anders als die Arrangements verloren Klavierauszüge ihre Funktion im Musikleben des 20. und 21. Jahrhunderts auch dann nicht, als Rundfunk und Schallplatte die Möglichkeit einer jederzeit verfügbaren technischen Reproduktion der betreffenden Werke eröffneten. Vielmehr wurden und werden Klavierauszüge weiterhin zum Einstudieren, in der musikalischen Ausbildung und bei Wettbewerben verwendet, so dass es hier seit Brahms’ Zeit eine kontinuierliche Verwendungstradition gibt.

In ihrer jeweiligen Quellenlage divergieren die beiden in diesem Band vorgelegten Editionen erheblich:

Für den Klavierauszug des Violinkonzertes ist die teils abschriftliche, teils autographe Stichvorlage überliefert. Sie wurde von einem Kopisten präpariert, der die Violinpartie auf Grundlage einer (verschollenen) abschriftlichen Violinstimme notierte, Platz für die spätere Niederschrift der lavierpartie durch Brahms freihielt und das Eröffnungstutti des 1. Satzes gemäß einer nicht eindeutig bestimmbaren Vorlage notierte. Brahms fügte später die Klavierpartie hinzu und ersetzte das vom Kopisten geschriebene Eröffnungstutti des 1. Satzes durch ein eigenes Notat, dessen Zeitpunkt nicht eindeutig zu bestimmen ist. Brahms’ Notat der Klavierpartie, das zahlreiche Änderungen enthält, stellt vermutlich die Erstniederschrift dieser Fassung dar.

In ihrer Einleitung resümiert die Herausgeberin Entstehung, frühe Aufführungen und Publikation des Werkes unter besonderer Berücksichtigung des Klavierauszuges und erörtert im Kritischen Bericht im Zusammenhang mit der Quellengeschichte und -bewertung die Frage, warum und wann Brahms die Kopistenniederschrift des Eröffnungstuttis durch ein eigenes Notat ersetzt haben könnte; dessen möglicher Entstehungskontext wird ebenfalls intensiv diskutiert. Im Notentext der Neuedition wird die Violinpartie (die in der 1879 erschienenen Erstausgabe des Klavierauszuges nicht so sorgfältig redigiert wurde wie die Klavierpartie) genau entsprechend der 2004 erschienenen JBG-Edition der Orchesterfassung wiedergegeben. Ebenso wie dort werden spieltechnische Zusatzangaben und Ossia-Fassungen der 1879 gedruckten separaten Solostimme in Fußnoten zum Notentext mitgeteilt und im Editionsbericht ggf. näher erläutert. Im Anhang des Bandes wird Joseph Joachims Solokadenz zum 1. Satz in der Druckfassung von 1902 und in der von Brahms bevorzugten kürzeren Fassung einer Abschrift von Joseph Joachims Schülerin Marie Soldat wiedergegeben (siehe Jahresbericht 2004, S. 10 f.).

Zum Klavierauszug des Doppelkonzertes ist kein druckrelevantes Manuskript überliefert, sondern lediglich eine Kopistenabschrift des 2. Satzes, die Brahms zu Weihnachten 1887 Laura von Beckerath schenkte. Immerhin kann diese vom Komponisten korrigierte, in der Bogensetzung freilich ziemlich flüchtige Geschenkabschrift bei der Neuedition des 2. Satzes in gewissem Maße als Referenzquelle eintreten, wenn ihr auch nicht die gleiche editorische Verbindlichkeit wie der abschriftlichen Stichvorlage und Brahms’ autographer Niederschrift zukommt, die beide verschollen sind. Aus diesem Grunde konnten eindeutige Notentext-Defizite im 1. und 3. Satz nur textimmanent sowie in behutsamer Orientierung an Parallelstellen und/oder an der Orchesterfassung korrigiert werden. Dabei war stets einzukalkulieren, dass Brahms Parallelstellen gern als Mikrovarianten gestaltete und Klavierarrangements und Klavierauszüge üblicherweise nicht als wörtliche, sondern als sinngemäße freie „Übersetzungen“ der Orchesterpartie konzipierte.

Die Edition des Klavierauszuges bot überdies die Möglichkeit, eine zwar nicht druckrelevante, doch aufführungshistorisch und aufführungspraktisch bedeutsame Quelle des Doppelkonzertes auszuwerten und zu dokumentieren, die bei der Erarbeitung und Publikation der Orchesterfassung im Rahmen der JBG noch als verschollen gelten musste: Erst 2003 tauchte die abschriftliche Spielstimme des Uraufführungs-Cellisten Robert Hausmann in dessen Nachlass wieder auf. Diese Quelle, die zuvor trotz mehrfacher Nachfrage beim Besitzer Dr. Friedrich Bernhard Hausmann († 2009) nicht auffindbar war, bestätigt generell die bei der Edition der Orchesterfassung (2000) getroffenen Herausgeberentscheidungen und erlaubt Präzisierungen bzw. Modifikationen im Hinblick auf die Bewertung der Quellenabhängigkeiten. Da die abschriftliche Spielvorlage in ihren Lesarten den erhaltenen Partiturmanuskripten und der Partitur-Erstausgabe der Orchesterfassung näher steht, als zu vermuten war, dürften die Abweichungen zwischen den separaten gedruckten Solostimmen und der Partitur-Erstausgabe auf eine (ebenfalls verschollene) abschriftliche Solo(-Doppel)stimme zurückgehen, die erst zu einem relativ späten Zeitpunkt angefertigt wurde und als Stichvorlage diente. Lesarten der wiederentdeckten abschriftlichen Cello-Solo(-Doppel)stimme werden im Rahmen der JBG-Edition des Klavierauszuges im Editionsbericht bzw. (bei weniger gravierenden Abweichungen) in einer vorangehenden separaten Liste des Kritischen Berichtes dokumentiert.