Mehrstimmige Gesangswerke mit Klavier oder Orgel: Chorwerke und Vokalquartette,
Bd. 2
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hrsg. von Bernd Wiechert, München 2009

Diese erste Vokalmusik-Edition im Rahmen der JBG umfasst Kompositionen unterschiedlicher Besetzung und Intention. Von den sieben berücksichtigten Werken gab Brahms fünf zu Lebzeiten selbst zum Druck. Vier von ihnen (Drei Quartette op. 64, Vier Quartette op. 92, Zigeunerlieder op. 103, Sechs Quartette op. 112) wurden primär für eine solistische Vokalbesetzung geschrieben, das fünfte (Tafellied op. 93b) für sechsstimmigen gemischten Chor. Allerdings rechnete der Komponist zumindest bei den Quartetten op. 64 damit, dass diese „gelegentlich von kleinerem Chor gesungen werden dürften“. Die chorische Besetzungsvariante hat auch bei den anderen drei genannten Soloquartett-Kompositionen im Verlauf ihrer Rezeptionsgeschichte an Bedeutung gewonnen, insbesondere bei den Zigeunerliedern.

Die übrigen im vorliegenden Band enthaltenen Kompositionen erschienen erst posthum im Druck, so zunächst der kurze „Hochzeitswitz“ WoO posth. 16 für vier Singstimmen und Klavier, bei dem es sich um die Vertonung eines Gelegenheitsgedichtes von Gottfried Keller handelt, die Brahms im Juli 1874 auf Bitten des Dichters hin schrieb. Die Erstveröffentlichung im Rahmen der alten Brahms-Gesamtausgabe (1927) erfolgte unter dem Titel „Kleine Hochzeits-Kantate“, der in der Brahms-Literatur seither geläufig, doch weder authentisch noch terminologisch zutreffend ist (in Brahms’ Autograph hat die Vertonung keinen Titel). Die Neuedition verwendet daher als Titel Brahms’ Bezeichnung der Vertonung in seinem Taschenkalender. Zu den nachgelassenen Kompositionen gehört auch das Kyrie g-Moll WoO posth. 17 für vierstimmigen gemischten Chor und Continuo – eine kontrapunktische Studie, die 1856 entstand und 1984 erstmals im Druck erschien. Das Kyrie stellt innerhalb des vorliegenden Bandes insofern einen Sonderfall dar, als es über keine figurierte Instrumentalbegleitung, sondern lediglich über eine obligate (nur an wenigen Stellen bezifferte) Continuostimme verfügt.

Spezielle Beachtung verdient das Quartett „O schöne Nacht!“ op. 92 Nr. 1. Brahms sandte die autographe Partitur einer Frühfassung mit dem Kopftitel „Notturno II.“ schon 1877, das heißt sieben Jahre vor der Publikation der Vier Quartette op. 92, an Elisabeth von Herzogenberg, die Ehefrau des Komponisten Heinrich von Herzogenberg. Die im Folgenden zwischen Brahms und dem Ehepaar gewechselten Briefe ließen bereits vermuten, dass Brahms in diesem Quartett auf eine Komposition Heinrich von Herzogenbergs musikalisch Bezug genommen hatte, doch gelang erst dem Herausgeber der vorliegenden Edition der Nachweis, dass es sich dabei um Herzogenbergs Notturno op. 22 Nr. 2 für vier Singstimmen und Klavier handelte. Durch diese Identifikation erklärt sich zugleich der ungewöhnliche Kopftitel der Frühfassung („Notturno II.“), der in McCorkles Brahms-Werkverzeichnis noch Anlass zu nunmehr gegenstandslos gewordenen Spekulationen gegeben hatte.

Die Einleitungskapitel enthalten zahlreiche weitere neue oder präzisierende Informationen zur Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte der betreffenden Kompositionen. Hierzu wurden viele gedruckte und ungedruckte Quellen und Dokumente ausgewertet – einige von ihnen (zum Beispiel die Auflagebücher und andere Archivalien des Verlages C. F. Peters sowie Brahms’ Schreiben an Hugo Conrat) überhaupt zum ersten Mal in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Brahms’ Werken. Bei der historisch-kritischen Edition der Notentexte konnte in zwei Fällen (Quartette op. 92, Tafellied op. 93b) auf die abschriftlichen Stichvorlagen zurückgegriffen werden, die jahrzehntelang als verschollen galten, erst Anfang der 1990er Jahre in Schweizer Privatbesitz wieder auftauchten und sich heute im Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck befinden. So konnten die in diesem Band vorgelegten Notentexte von zahlreichen kopisten- bzw. stecherbedingten Fehlern und Ungenauigkeiten befreit werden. Zugleich liefert die Edition durch Mitteilung früher Lesarten und kompositorisch motivierter Korrekturen in den erhaltenen Handschriften neue werkgenetische Informationen. Dazu gehört auch, dass die schon erwähnte Frühfassung des Vokalquartetts „O schöne Nacht!“ op. 92 Nr. 1 im Notentext-Anhang als Erstveröffentlichung abgedruckt wird; sie weicht im C-Dur-Mittelteil thematisch und harmonisch teilweise stark von der späteren Druckfassung ab.