Doppelkonzert a-Moll op. 102, hrsg. von Michael Struck, München 2000

Brahms' 1887 entstandenes „Concert für Violine und Violoncell mit Orchester“, sein letztes konzertantes und zugleich orchestrales Werk, stieß in der musikalischen Öffentlichkeit und ebenso im Freundeskreis des Komponisten auf eine kontroverse Resonanz, die angesichts von Brahms' damals weithin unangefochtener Stellung verwundern muss. Die Partituredition des so genannten „Doppelkonzertes“ profitiert von der vergleichsweise lückenlosen Quellenlage, da das Partiturautograph und die – von der alten Brahms-Gesamtausgabe 1926 nicht berücksichtigte – abschriftliche Partitur-Stichvorlage sowie Brahms' Handexemplar des Partitur-Erstdruckes überliefert sind (nur die Korrekturabzüge fehlen).

Hauptquelle der vorgelegten Edition ist Brahms' Handexemplar des Partitur-Erstdruckes, dessen Notentext indes durch zahlreiche Kopisten- und Stecherfehler beeinträchtigt ist. Diese lassen sich anhand der Referenzquellen - vor allem der Partiturmanuskripte, aber auch der gedruckten Orchesterstimmen, die in einem eigenen Überlieferungsstrang auf das Partiturautograph zurückzuführen sind - vielfach emendieren.

Die in den gedruckten Solostimmen enthaltenen zusätzlichen Spielanweisungen (vor allem Fingersätze und Stricharten), die von den Uraufführungssolisten Joseph Joachim und Robert Hausmann stammen, werden in der Partituredition in Gestalt von Fußnoten zum Notentext dokumentiert und im Editionsbericht kommentiert; sie dürfen als von Brahms autorisiert gelten. Für die neue Edition konnte auch Hausmanns Handexemplar der Cello-Solostimme konsultiert werden, das weitere handschriftliche Spielereintragungen enthält. Diese sind ebenfalls aufschlussreich, haben jedoch lediglich einen inoffiziellen Status. So werden sie im Kritischen Bericht vor Beginn des eigentlichen Editionsberichtes in tabellarischer Gestalt dokumentiert.

Die Edition stellt somit einen historisch-kritisch intensiv revidierten Notentext bereit, der in gravierenden Einzelfällen auch problematische, die Aufführungstradition der letzten Jahrzehnte prägende Herausgeber-Entscheidungen der alten Brahms-Gesamtausgabe richtig stellt.

Rezensionen:

»[...] The score itself is beautifully laid out, one large system per page for all the instrumental forces, in accordance with Brahms's own notational practice. The Critical Report consists of a comprehensive account of the extant sources, including a stemma and hierarchical ranking of manuscripts and prints, (pp. 180–202) and a detailed editorial report (pp. 203–59) in which Struck offers a wealth of data on Brahms's more significant alterations to the autograph and Stichvorlage, and on the editorially relevant divergences among the main sources. [...]

To begin with, Struck corrects a sizeable number of wrong notes (mainly in the orchestral parts […]), supplies missing articulations (frequently on the basis of evidence in the autograph or Stichvorlage […]), and restores many dynamic, expressive, and phrasing indications (at times by weighing evidence from both manuscript and printed sources […]). [...]

Surely the most controversial aspect of Struck’s work is his attempt to arrive at more accurate placements of dynamic „hairpins.“ Anyone who doubts the difficulty (and enormity) of this task has only to consult the facsimile of pp. 23–24 of the autograph score (i/mm. 144–55) reproduced on p. 211 of Struck’s edition. [...] As they usually amount to slight shifts to the „right“ or the „left,“ Struck’s emendations are apt to seem fussy to some, though they generally make good musical sense (one of many examples: i/m. 12/solo cello), and together they add up, offering a sharper picture of an aspect of Brahms’s notation that was treated with some nonchalance in the earliest editions of the work.

[...] My aim in suggesting [...] alternate possibilities is not to impugn the quality of Struck’s work, which is exemplary. On the contrary, the abiding value of his edition lies in its provision of the data that allow us to raise and discuss these issues in the first place. In consulting the editorial report, those who do not have access to the primary sources (like the writer of this review) will gain a clear idea of the problems, the rationale for the editor’s solutions, and the range of likely alternatives. And, it should be emphasized, Struck is scrupulous in acknowledging the many „gray areas“ where it is simply not possible to offer a definitive reading.

In addition to its full account the the factors that came into play in the establishment of the text for the new edition, Struck’s editorial report provides many insights into the process whereby the solo parts in particular assumed their final form. From his commentary on the authorized emendations to the autograph score and Stichvorlage, it is possible to learn much about the ways in which the concerto’s original interpreters helped to touch up the solo parts. To judge from the extant sources, most of the suggested alterations were Joachim’s – hardly a surprise given his status as Hausmann’s senior and his long-standing association with Brahms. [...]

Without question, the new edition of the Double Concerto represents a major achievement in Brahms studies. In addition to delivering as clean a rendering of the text of the work as one might wish for, Struck has assembled, synthesized, and critically evaluated an incredible amount of new material in his introductory essay and Critical Report. All of this should be of great interest to Brahms devotees whether they happen to be scholars, students, performers, or simply lovers of his music. Needless to say, these constituencies are not mutually exclusive. It is to be hoped that each, in its own way, will take full advantage of the many riches the new edition of the work has to offer.«

John Daverio, in: The American Brahms Society, Newsletter 21, Nr. 1, Frühjahr 2003, S. 6–8


»Nach der Editionsfolge zu urteilen hat die neue Johannes Brahms Gesamtausgabe (JBG) erheblich an Schwung gewonnen: Symphonie Nr. 1 op. 68 (1996), Klavierquintett op. 34 (1999), Doppelkonzert op. 102 (2000) sowie zuletzt Symphonie Nr. 2 op. 73 (2002). Dabei haben weder die Sorgfalt und Qualität des Notentextes noch die Lesbarkeit bzw. Übersichtlichkeit von Einleitung und Kritischem Bericht gelitten, wie der hier zu besprechende Band eindrucksvoll beweist. Er umfasst Brahms’ letzte, im Sommer 1887 entstandene konzertante Komposition mit der ungewöhnlichen Koppelung von Solo-Cello und Solo-Violine, das „Concert für Violine und Violoncell mit Orchester“ (so der Titel in der Erstausgabe der Partitur), das schon bald nach der Uraufführung von der Musikkritik die griffige Bezeichnung Doppelkonzert erhielt.

In seiner Einleitung berichtet der Herausgeber Michael Struck in umsichtiger Weise über den derzeitigen Forschungsstand hinsichtlich der Entstehung des Doppelkonzertes, der Proben und ersten Aufführungen, der Publikation sowie – wie in der JBG üblich – der frühen Rezeption. Er widersteht allen Versuchungen, über die ursprüngliche Konzeption des Werks zu spekulieren („Die eigentliche Entstehungsgeschichte [...] liegt größtenteils im dunkeln“), und vermag durch treffende Auswahl der Dokumente die zunächst zwiespältige Aufnahme des Werks zu belegen. Ein weiterer wichtiger Abschnitt der Einleitung diskutiert die „Bedeutung der separaten Solostimmen und des Klavierauszuges für die vorliegende Partituredition“. [...] Da die gedruckten Solostimmen [...] auf „einen eigenständigen Überlieferungsstrang zurückgehen müssen“, werden ihre Abweichungen von den Partiturquellen (zum größten Teil zusätzliche Spielanweisungen, die mutmaßlich von den beiden Solisten der Proben und der Uraufführung, Robert Hausmann und Joseph Joachim, stammen) zu Recht in Fußnoten zum Notentext mitgeliefert.

Hauptquelle der Edition ist Brahms’ Handexemplar des Partiturerstdrucks [...]. Beim sorgfältigen Quellenvergleich zeigt sich, dass die originale Druckausgabe der Partitur weit weniger verlässlich ist, als dies noch Hans Gál, der Herausgeber des Doppelkonzertes in der alten Gesamtausgabe, annahm. Neben den Noten selbst [...] sind die Artikulation und vor allem die Dynamik betroffen, wobei im Kritischen Bericht alle Abweichungen gegenüber der Hauptquelle mit einem suggestiven Verweispfeil gekennzeichnet, problematische Fälle oder komplexe Korrekturstellen mit Faksimiles zusätzlich veranschaulicht werden. Die hohe Qualität des vorliegenden Notentextes (bei dem lediglich der Hinweis auf den Schlüsselwechsel der Fagotte, Satz 1, zwischen T. 30 und 57 als fehlend festgestellt werden konnte) wird insbesondere im Vergleich mit der alten Gesamtausgabe offenbar, nicht nur durch den heute selbstverständlichen Verzicht auf willkürliche „Verbesserungen“ (vgl. Satz 3, T. 191, Hrn. 3/4 in D: Halbe des2 von Hans Gál in Viertel des2–c2 geändert, um den Querstand dis/d ab Taktmitte mit Vl. I zu vermeiden), sondern eben auch im Umgang mit Details wie den genauen Positionen von Dynamik-Gabeln.

Einzuwenden ist insgesamt nur weniges: [...]«

Peter Jost, in: Die Musikforschung, Jg. 56 (2003), Heft 3, S. 333–335