Zur Konzeption

Seit den späten 1960er Jahren haben intensive Quellenforschungen zum Schaffen von Johannes Brahms zunehmend gezeigt, dass eine neue historisch-kritische Ausgabe seiner Werke unerlässlich ist. Insbesondere mit dem Erscheinen von Margit L. McCorkles Brahms-Werkverzeichnis im Jahr 1984 wurde offenkundig, dass eine historisch-kritische Edition, die heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, auf einer ungleich größeren Anzahl an Quellen basieren muss als die alte Brahms Gesamtausgabe.

Die neue Gesamtausgabe zieht sämtliche erreichbaren Werkquellen heran. Auch fragmentarisch überlieferte Kompositionen, Entwürfe und Skizzen werden gesammelt, in ihrer Bedeutung untersucht und angemessen dokumentiert. Die JBG orientiert sich dabei am heutigen Stand musikwissenschaftlicher Editionstechnik. Sie gibt zudem, anders als die alte Gesamtausgabe, alle Werke von Brahms heraus, insbesondere auch die von ihm selbst erstellten Klavierauszüge und Klavierarrangements sowie die Bearbeitungen und Aufführungsfassungen, die er von Werken anderer Komponisten anfertigte.

Die beigebundenen Kritischen Berichte weisen neben Quellenbestand, Quellenabhängigkeiten, Quellengeschichte und Quellenbewertung sowie den editorischen Eingriffen des Herausgebers auch die Korrekturen nach, die Brahms selbst innerhalb der Werkniederschriften, während des Korrekturprozesses sowie später in seinen gedruckten Handexemplaren noch vornahm. Im Unterschied zu anderen Komponisten hat Brahms die Dokumente seiner kompositorischen Ausarbeitung weithin vernichtet. Gerade deshalb verdienen die erhaltenen Spuren des Arbeitsprozesses, die letztlich zahlreicher sind als vermutet, besonderes Interesse.

Die Kompositions- und Publikationsgeschichte werden in den Einleitungen zu den Bänden dargelegt. Auch die ersten Aufführungen zu Lebzeiten des Komponisten sowie Tendenzen der frühen zeitgenössischen Rezeption sind hier erfasst.

Die Forschungsstelle Kiel verfügt über eine umfangreiche Sammlung von Erst- und Frühdrucken, ein Mikrofilm-Archiv (mit Übernahmen aus dem Archiv von Margit McCorkle) sowie eine Spezialbibliothek.