Hype und Realität: Ein Albumblatt von Johannes Brahms und seine „Entdeckung“

Mitte Januar 2012 war in der internationalen Presse und im Internet zu lesen, der Cembalist und Dirigent Christopher Hogwood, der auch als Herausgeber tätig ist, habe in Princeton (USA) unter den Manuskripten eines Göttinger Musikdirektors ein „Albumblatt“ betiteltes unbekanntes Klavierstück von Johannes Brahms aus dem Jahr 1853 gefunden, dessen Aufnahme durch den Pianisten András Schiff am 21. Januar 2012 auf BBC erstmals ausgestrahlt werden würde.
Diese Berichte sind in vierfacher Hinsicht unzutreffend, wie inzwischen auch in Internetforen zunehmend moniert wurde:
1. Das hochinteressante Albumblatt befindet sich nicht „unter Manuskripten“, sondern in einem Album des einstigen Göttinger Musikdirektors Arnold Wehner, das u. a. musikalische Einträge von Mendelssohn, Robert und Clara Schumann, Rossini und eben – besonders ausführlich – Johannes Brahms enthält.
2. Brahms' Notat ist zwar ein Albumblatt, trägt aber nicht diesen Titel, sondern ist „Allegro con espressione“ überschrieben und – vorsichtig formuliert – als Klavierstück notiert.
3. Das Stück ist nicht der „Fund“ Christopher Hogwoods, wie international verbreitet wurde. Vielmehr waren Album und Albumblatt Musikforschern, Autographensammlern und Musikfreunden seit Frühjahr 2011 öffentlich bekannt. Aus Sicht der Kieler Brahms-Forschungsstelle, die an der Identifizierung maßgeblich beteiligt war, stellt sich die Sachlage folgendermaßen dar:
Mitte März 2011 wies uns Dr. Ralf Wehner von der Leipziger Mendelssohn-Ausgabe freundlicherweise darauf hin, dass das New Yorker Auktionshaus Doyle ein Album mit einem nicht identifizierten Brahms-Stück online anbiete. Da auch die von Brahms geschriebene Seite online gestellt war, konnten wir das Notat prüfen, wobei ich es (wie es viele andere Brahms-Forscher auch getan hätten) als Frühfassung des späteren Scherzo-Trios aus Brahms' Horntrio op. 40 identifizierte, das vermutlich Anfang Juni 1853 für Arnold Wehners Album als Klavierstück notiert wurde.
Diese Information leitete ich umgehend an das Auktionshaus Doyle weiter, das die Manuskriptbeschreibung daraufhin online und später im Druckkatalog mit ausdrücklichem Bezug auf meine Information präzisierte. Vor der Auktion (20. April 2011) konnte unser New Yorker Herausgeber Prof. Dr. Michael Musgrave Album und Albumblatt genauer für uns untersuchen und beschreiben.
Die öffentliche Kenntnis des Albumblattes setzte sich fort, als der amerikanische Brahms-Forscher Prof. Dr. George S. Bozarth im „Newsletter“ der „American Brahms Society“ (Bd. 29, Nr. 1, Frühjahr 2011, S. 9) über Brahms' Eintrag in dem mittlerweile verkauften Album berichtete. Angeregt durch Bozarth, spielte der Pianist Craig Sheppard das Albumblatt am 28. April 2011 in einem öffentlichen Konzert in Seattle (University of Washington's Meany Theatre). Am 8. Oktober referierte die Kieler Doktorandin Katharina Loose M. A., die im Rahmen ihrer Dissertation Brahms' Horn- und Klarinettentrio für die neue Brahms-Gesamtausgabe herausgeben wird, bei der Kieler Jahrestagung der „Gesellschaft für Musikforschung“ über das Albumblatt und seine Verbindung mit dem Horntrio; dabei stellte sie eine interessante These über die mögliche Verwurzelung in Brahms' verschollenem Frühschaffen vor (Druck in Vorbereitung). Im Rahmen des Referates spielte unser Kollege Dr. Jakob Hauschildt das Stück auf der Grundlage der Katalog-Abbildung „live“; ein Mitschnitt erfolgte nicht.
4. Unzutreffend ist auch die Meldung, die Sendung der Aufnahme von András Schiff durch BBC 3 am 21. Januar 2012 sei die „erste Wiederaufführung“ bzw. die weltweit erste Rundfunkausstrahlung des Albumblattes gewesen. Denn erstens bleibt offen, ob das Albumblatt zu Brahms' Lebzeiten überhaupt schon einmal (öffentlich oder privat) „aufgeführt“ wurde. Und zweitens fand – abgesehen von den genannten Vorführungen – die erste öffentliche, online weltweit zu empfangende Ausstrahlung bereits am 19. Januar kurz nach 16 Uhr MEZ durch den amerikanischen Sender WPRB Princeton im Rahmen der von Teri Noel Towe moderierten Sendereihe „Towe on Thursday“ statt. Dabei erklang die Einspielung gleich dreimal; sie ist inzwischen, wie die Aufführung durch Sheppard, auch auf Youtube zugänglich. Übrigens hatte Towe die jetzigen Albumbesitzer William und Judith Scheide (Princeton), in deren Haus die Einspielung professionell produziert wurde, auf das Auktionsangebot aufmerksam gemacht.
So fand das Albumblatt seinen Weg an die Öffentlichkeit nicht durch Hogwoods „Fund“, sondern durch ein Gefüge verschiedener Aktivitäten, in deren Reihe Hogwood relativ weit hinten steht. Immerhin verdanken wir ihm den ersten Hinweis auf den jetzigen Standort des Albums.

Michael Struck, 23. Januar 2012